Kein Weg zueinander

Hallo, ich will mal etwas neues ausprobieren.  In der  nächsten  zeit werde ich Ausschnitte aus meinem Buchprojekt hochladen und würde mich über eine Meinung eurerseits freuen.

 

 

Vorwort:

Alles hatte damit angefangen, dass ihre Eltern sie alleingelassen hatten. Sie wusste nicht, wieso sie dies getan hatten, aber es musste sehr wichtig gewesen sein. Und erschreckenderweise noch wichtiger, als sich um die eigene Tochter zu kümmern. Wieso eigentlich? Und was habe ich damit zu tun? Das würden doch keine Eltern einem Kind antun. Sie war sehr klein gewesen, zu klein eigentlich, als dass sie sich noch hätte an etwas erinnern können, aber irgendwie hatte sie immer dieses eine Bild im Kopf: da war sie gewesen, sie saß auf einem kleinen Stuhl. Irgendwo im Hintergrund standen ihre Eltern und eine dritte Person, von der sie nicht sagen konnte, wer sie war. Was sie aber sagen konnte, war, dass sich ihre Stimme sehr jung anhörte. Worüber ihre Eltern mit dieser dritten Person zu sprechen hatten, das hatte sie auch nicht zu sagen vermocht. Aber irgendwann, schätzungsweise nach 25 Minuten, hatte Shaylin eine gähnende Leere empfunden und das erste, was ihr auffiel, war, dass nicht mehr geredet wurde. Das hieß, ihre Eltern waren nicht mehr da. Wieso? Bestimmt kommen sie gleich wieder. Wahrscheinlich sind sie nur ein paar Minuten irgendwo an der frischen Luft oder so. Aber je länger Shaylin auch wartete, ihre Eltern kamen nicht zurück. Sie wurde ungeduldig und fing an, leise zu weinen. Dann hörte sie Schritte auf sich zukommen und plötzlich erschien ein Gesicht, dass Shaylin wegen der ganzen Tränen, die sie  in den Augen hatte, nicht so recht wahrnahm. Diese Person nahm sie vom Stuhl in ihre Arme und strich ihr sanft über die Haare.

„ Wo ind meie Eltern“, fragte Shaylin ängstlich.

„ Deinen Eltern geht es gut. Aber sie müssen eine Weile weg. Ich bin jetzt für dich da.“

Erst war sie froh, dass sich jemand um sie kümmerte, aber dann wuchs ihr Ärger und sie schrie: „ Ich will zu meien Eltern“ und weinte erneut.

Sie war drei gewesen.

 

„ Shaylin, was hast du getan?“

„ Was denn?“

„ Ich meine, wieso hast du mich angelogen?“

„ Was habe ich denn gesagt?“

„ Das weißt du doch am besten.“

„ Nein, ehrlich, ich habe keine Ahnung.“ Wieso ist die Frau eigentlich so gemein und doof?

Das Gespräch lief noch eine Weile so weiter, bis Shaylin die Frau einfach anschrie.

„ Was haben Sie mir schon zu sagen? Sie sind nicht meine Bezugsperson.“

Einige Abende nach diesem Gespräch  mussten sie aus irgendeinem Grund umziehen. Shaylin verstand es nicht, wieso. Die jetzige Unterkunft, wenn man sie überhaupt so nennen konnte, war deutlich kleiner. Sie bestand nur aus einem Zimmer, einem extrem kleinen Bett und einem extrem kleinen Badezimmer. Wie sollen wir hier zu zweit leben können?

„ So, das hier ist deine neue Bleibe. Ich komme ab und zu mal vorbei, um dir etwas zu bringen oder so, aber erstmal bist du hier alleine.“ Was? Was bildete diese Frau sich eigentlich ein? Wieso soll ich ab jetzt alleine leben? Das macht doch überhaupt keinen Sinn.“ Sie wollte sich schon umdrehen, um die Frau zu fragen, wer sie war, aber diese war verschwunden. Das Einzige, was Shaylin bemerkte, war ein Schlüssel, der auf dem Boden lag.

Sie war 8 gewesen.

 

Shaylin blickte sich in ihrer Unterkunft um. Was hatte sie nur falsch gemacht, um so zu sein, wie sie jetzt war? Beziehungsweise, was musste sie verändern? Aber es gibt ja eh nichts, wofür es sich noch lohnt, oder? Ein Haufen solcher Fragen schwirrte ihr durch den Kopf, während sie resigniert auf ihr improvisiertes Bett zusammensank. Seit Monaten ging das schon so, dass sie einfach nur verzweifelt war und nichts mit sich anzufangen wusste. Selbst wenn sie etwas hätte verändern können- und das wollte sie-, hätte sie nicht gewusst, wie. Zu wem hätte sie gehen können? Es gab niemanden, der sie verstand und mit dem sie einigermaßen vernünftig darüber hätte reden können. Sie war alleine und hatte keine Hoffnung, je in dieses Leben finden zu können. Keine Ansprechperson, niemand, der sich um sie kümmerte. Sie hatte niemanden, der sie wirklich liebte. Sie hatte nur sie und das war es. Wieso bin ich nur so alleine? Traurig saß sie in der viel zu kleinen Wohnung und starrte auf das Nachtleben hinunter. Überall Leute, die zusammen saßen und sich unterhielten. Die Welt ist doch ungerecht. Wieso haben es manche Menschen so gut und andere so schlecht? Was mache ich eigentlich noch hier? Wieso habe ich mich nicht schon selbst umgebracht. Das Leben ergibt doch für mich sowieso keinen Sinn.

 

©Jona Lenze

Verschlagwortet mit

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s